Szenarien zum Energieverbrauch

Selbst wenn die internationalen Ziele zum Energiesparen tatsächlich umgesetzt würden, ist die Energieversorgung weit davon entfernt, nachhaltig zu sein. Die Internationale Energieagentur hat mehrere Szenarien durchgerechnet, wie sich der Energieverbrauch entwickeln könnte. Die Ergebnisse sind erschreckend. Die Zahlen der Energieexperten belegen: Eine Energiewende wäre nicht nur für Deutschland, sondern weltweit nötig.

Foto: runk.eu | Texas | 2010
Foto: runk.eu | Texas | 2010

Der "World Energy Outlook", der in London vorgestellt wurde, ist keine Vorhersage künftiger Entwicklungen. Sicherheitshalber zitieren die Energiefachleute aus Paris den dänischen Physiker und Nobelpreisträger Niels Bohr: "Prognosen sind schwierig, besonders wenn sie die Zukunft betreffen".

 

Eine Prognose kann und will der 690 Seiten starke Report nicht sein. Die durchgerechneten vier Szenarien sollen lediglich zeigen, wie sich Energiemärkte unter bestimmten Bedingungen entwickeln könnten. Dazu müssen bestimmte Annahmen, beispielsweise über Wirtschaftswachstum, Bevölkerungsentwicklung oder Ölpreis getroffen werden, wobei niemand wissen kann, ob diese Annahmen richtig sind. Das alles kratzt an der Aussagekraft der berechneten Szenarien. Dennoch können sie eine Hilfestellung sein, um jetzt die richtigen energiepolitischen Entscheidungen zu treffen.


"Weiter so" ist keine Option

 

Mit dem, was bislang in konkrete Energiepolitik umgesetzt war, wollen sich die Experten erst gar nicht lange aufhalten. Im Mittelpunkt des Welt-Energie-Ausblicks steht das "New Policies Scenario", das auch erst in Aussicht gestellte energiepolitische Beschlüsse berücksichtigt. Dazu dürfte beispielsweise das EU-Ziel gehören, den CO2-Ausstoß von Autos bis 2020 auf 95 Gramm pro Kilometer zu begrenzen. Gesetz ist das noch nicht, aber Absicht.

 

Dieses zentrale Szenario des Ausblicks kommt zu erschreckenden Ergebnissen: Der Welt-Energieverbrauch steigt bis 2035 um gut ein Drittel an. Global gesehen wächst der Bedarf an Energie bei allen Energieträgern, auch den fossilen. Nach derzeitigen politischen Beschlüssen und Verabredungen wird also auch deutlich mehr Öl, Kohle und Gas verbraucht - mit entsprechenden Auswirkungen aufs Klima. Vom Zwei-Grad-Ziel, bei dem der Klimawandel als einigermaßen beherrschbar gilt, würde man sich deutlich entfernen. Im Mittel sei beim "New Policies Scenario" eine Erwärmung um 3,6 Grad Celsius zu erwarten, mit verheerenden Auswirkungen, die letztlich auch das Energieversorgungssystem betreffen.


Foto: runk.eu | Texas | 2010
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Das Klima kippt, bevor das Öl aus ist

 

Zwar neigen sich absehbar die Vorräte an Öl, Kohle und Gas einem Ende zu, der begrenzende Faktor ist das aber nicht. Die USA zum Beispiel forcieren die Förderung von Erdöl und das so genannte Fracking, also das Erschließen unkonventioneller Erdgasvorkommen. Bis etwa 2020 könnten die USA nach Ansicht der Energieagentur so zum größten Ölproduzenten werden und zehn Jahre später sogar Öl exportieren - mit entsprechenden Verwerfungen auf den Energiemärkten. Öl, Kohle und Gas werden also noch viele Jahrzehnte verfügbar sein. Doch beim Verbrennen dieser fossilen Energieträger entsteht zwangsläufig CO2, also Kohlendioxid - mit den bekannten Folgen fürs Klima. Nimmt man das Zwei-Grad-Ziel ernst, sagt die Internationale Energieagentur, so darf man bis 2050 allenfalls ein Drittel der fossilen Vorräte tatsächlich verbrauchen. Anders sähe das nur aus, wenn man Kohlendioxid abtrennen und speichern könnte. Doch ob diese CCS genannte Technik kommt, sei in höchstem Maße ungewiss.


Kurswechsel heute, nicht morgen

 

Durchgerechnet wurde auch ein Szenario, das den Klimaschutz ernst nimmt. Um das Zwei-Grad-Ziel zu halten, darf der Gehalt von Treibhausgasen in der Atmosphäre nicht über eine Marke von 450 Einheiten steigen. Dazu ist es einerseits erforderlich, weniger Energie zu verbrauchen. Statt um ein Drittel steigt der Weltenergiebedarf in "450 Scenario" nur um rund 15 Prozent, vor allem durch verstärkte Anstrengungen bei der Energieeffizienz.

 

Der Verbrauch von Öl und Kohle wird reduziert, klimafreundlichere Energieträger wie Gas und erneuerbare Energien wachsen kräftig. Auch die CCS-Technik und die Kernenergie leisten im "450 Scenario" der IEA einen Beitrag, um das ambitionierte Ziel zu erreichen. Zwar seien für den Umbau der Energieversorgung viele Tausend Milliarden Dollar zusätzlich zu investieren, dem stünden aber erheblich niedrigere Kosten für Öl- und Kohleimporte und eine deutlich bessere Luftqualität gegenüber.

 

Unabhängig vom Zwei-Grad-Ziel seien viele Maßnahmen zur Energieeffizienz jetzt schon wirtschaftlich lohnend. Die IEA fordert hier energische Anstrengungen, zumal es keinerlei technischer Durchbrüche bedarf. Zwei Drittel des Effizienzpotenzials, das wir haben, würden nicht genutzt. Wichtig sei, dass die klimafreundliche Energiepolitik gleich angegangen wird. Denn 80 Prozent der in 20 Jahren zulässigen CO2-Emissionen gehen auf das Konto schon bestehender Kraftwerke, Fabriken und Häuser. Um den verbleibenden kleinen Spielraum zu erhalten, müsse jede Investition nach Effizienz- und Klimaschutz-Gesichtspunkten erfolgen. Für diesen Kurswechsel bleibe ein Zeitfenster von allenfalls fünf Jahren. Mit anderen Worten: Neue Kohlekraftwerke dürfte es nach Ansicht des "450 Scenario" der IEA schon in Kürze nicht mehr geben.


Energiewende als Blaupause

 

Insofern ist die deutsche Energiewende im weltweiten Energiegeschehen vielleicht doch von Bedeutung. Zwar hat das Tun von rund 80 Millionen Menschen einen geringen direkten Einfluss auf die weltweiten Energieströme von mehr als sieben Milliarden Menschen. Doch im besten Fall könnte eine gelungene Energiewende eine Art Best-practice-Beispiel werden.

 

Voraussetzung wäre allerdings, dass Deutschland Ernst macht nicht nur beim Abschalten der Atomkraftwerke und Ausbau der Erneuerbaren, sondern auch beim Thema Energieeffizienz. Bislang ist das Gegenteil der Fall. Ambitionierte Vorgaben vom deutschen EU-Energiekommissar Günther Oettinger wurden im Frühjahr von Bundeswirtschaftsminister Philipp Rösler erfolgreich bekämpft. Mit der Konsequenz, dass die EU voraussichtlich rund ein Drittel weniger Energie einspart als ursprünglich gewollt (Quelle: Martin Gent, WDR).

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